Die Menschen sind die Lösung

Welt ohne Minen ermöglichte fünf Mitarbeitenden der sri-lankischen Partnerorganisation DASH die Teilnahme an einer Fachausbildung in Serbien. Als sich die Visaerteilung verzögerte, zeigte sich einmal mehr: Der Aufbau starker lokaler Organisationen braucht Zeit, Geduld und Ausdauer.

Katrin Atkins absolvierte 2008 als erste Frau überhaupt die Minenräum-Ausbildung der Schweizer Armee. Während ihrer Tätigkeit in Laos begegnete sie 2010 erstmals der Stiftung Welt ohne Minen. Die Beziehung vertiefte sich während ihres Einsatzes für den United Nations Mine Action Service (UNMAS) in der Demokratischen Republik Kongo im Jahr 2012. Nachdem sie AFRILAM akkreditiert hatte – damals wie heute eine der wenigen nationalen Organisationen für humanitäre Minenräumung –, vermittelte sie den Kontakt zu Welt ohne Minen, damit die Organisation Unterstützung erhalten konnte. Seither hat sie mehrere unserer Partnerorganisationen begleitet und aus erster Hand erlebt, wie lokale Akteure mit der richtigen Unterstützung wachsen und sich weiterentwickeln können. 

«Was mich bei Welt ohne Minen immer besonders beeindruckt hat, ist das persönliche Engagement und die direkte Unterstützung», sagt Katrin. «Die Mittel kommen dort an, wo sie gebraucht werden. Es gibt wenige administrative Ebenen, und die Organisation bleibt ihren Partnern auch dann verbunden, wenn Herausforderungen auftreten.» Nachhaltige Minenräumung braucht Zeit. Deshalb sind langfristige Partnerschaften entscheidend. 

Mehr als Richtlinien und Konzepte

In der humanitären Minenräumung ist die Verankerung der lokalen Verantwortung oder «localization» heute in aller Munde. Doch nach Ansicht von Katrin wird dabei oft übersehen, worauf es wirklich ankommt: auf die Menschen, die die Arbeit vor Ort Tag für Tag leisten. Sie beobachtet, dass sich viele Bemühungen zu stark auf Institutionen und Managementstrukturen konzentrieren. 

Nach ihrer Erfahrung sind nationale Organisationen oft widerstandsfähiger, als Aussenstehende vermuten. Während staatliche Stellen von politischen Veränderungen und Personalwechseln betroffen sein können, werden lokale Nichtregierungsorganisationen häufig von Menschen getragen, die sich aus echter Überzeugung engagieren. 

«Capacity Building muss sowohl top-down als auch bottom-up erfolgen», erklärt sie. «Letztlich braucht es die Frauen und Männer vor Ort, die die Arbeit tatsächlich ausführen. Es ist wichtig, dass Führungskräfte die internationalen Standards verstehen. Ebenso entscheidend ist aber, dass Minenräumerinnen und Minenräumer ihre Arbeit im Feld sicher und wirksam ausführen können.» 

Für Alex Atkins, der in Serbien Fachkräfte für die humanitäre Minen-räumung ausbildet, ist diese Herausforderung alltäglich. Viele Teilnehmende bringen bereits jahrelange praktische Erfahrung mit. «Oft wurden sie in militärischen Strukturen ausgebildet, in denen ein höheres Risiko akzeptiert wird», sagt er. «Die humanitäre Minenräumung funktioniert anders. Die International Mine Action Standards (IMAS) werden regelmässig überprüft und laufend weiterentwickelt, um neuen Bedrohungen zu begegnen und die sichersten Arbeitsmethoden zu gewährleisten. Eine Ausbildung nach IMAS-Standards ermöglicht es Fachkräften, effizienter und vor allem sicherer zu arbeiten. Wer die Ausbildung erfolgreich abschliesst, erhält ein international anerkanntes Zertifikat, das neue berufliche Perspektiven eröffnet.» 

Wenn gute Pläne auf die Realität treffen

Im Mai 2026 sollten fünf erfahrene Fachkräfte der sri-lankischen Organisation DASH mit Unterstützung von Welt ohne Minen an einem solchen international anerkannten Training in Serbien teilnehmen. Eigentlich war alles bereit: Der Kurs stand, die Teilnehmenden waren ausgewählt und motiviert. Doch die Visa trafen nicht rechtzeitig ein.

Von aussen betrachtet könnte dies wie ein Misserfolg wirken. Alex sieht das anders. «Es zeigt, wie komplex unsere Arbeit ist», sagt er. «Nach vielen Jahren in diesem Bereich habe ich vor allem eines gelernt: Nichts als selbstverständlich anzusehen. Dinge, die einfach erscheinen, können plötzlich sehr kompliziert werden. Gleichzeitig lassen sich Herausforderungen, die zunächst unlösbar wirken, manchmal in letzter Minute doch noch bewältigen.» 

Die Verzögerung war für alle Beteiligten frustrierend. Doch solche Rückschläge gehören zur Realität beim Aufbau starker lokaler Organisationen. Fortschritt verläuft selten geradlinig. Er erfordert Geduld, Flexibilität und Ausdauer. 

Für Katrin zeigt sich gerade hier der Wert langfristiger Partnerschaften. «Viele Geldgeber erwarten innerhalb kurzer Zeit messbare Ergebnisse», sagt sie. «Die unsichtbare Arbeit hinter der stärkeren lokalen Verankerung von Projekten wird oft übersehen. Partnerorganisationen müssen über viele Jahre begleitet werden. Am Ende zahlt sich diese Investition aus.» 

Menschen sind die Lösung

Sowohl Katrin als auch Alex sind überzeugt, dass Lokalisierung nicht nur ein möglicher Ansatz unter vielen ist – sie ist die Zukunft der humanitären Minenräumung. 

Alex erinnert sich an einen Kursteilnehmer aus dem Südsudan, der nach Abschluss der Ausbildung eine bessere Stelle als Projektleiter erhielt. Einige Monate später schrieb er, dass er das Gelernte täglich in seiner Arbeit anwende. Solche Geschichten motivieren ihn bis heute. Sie zeigen, worum es bei Lokalisierung wirklich geht: Menschen Chancen zu eröffnen, die bereits heute einen grossen Teil der Verantwortung vor Ort tragen. «Die Menschen sind die Lösung», sagt er. «Technologie kann unterstützen, aber Ausrüstung allein räumt keine Minenfelder. Es wird immer Frauen und Männer vor Ort brauchen. Investieren wir in sie.» 

Katrin teilt diesen Optimismus – selbst in einer Welt, die von Konflikten und Unsicherheit geprägt ist. «Ich habe gelernt, nicht nur auf das grosse Ganze zu schauen», sagt sie. «Stattdessen konzentriere ich mich auf die kleinen Erfolge. Genau diese kleinen Fortschritte machen den Unterschied.» 

Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel zu nachhaltiger Minenräumung: Menschen langfristig zu fördern und zu begleiten, bis lokale Organisationen selbst die Verantwortung übernehmen und ihre Zukunft gestalten können.

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