KI in der humanitären Minenräumung

Shahab Moeini, Strategiechef bei SubSphere, zeigt in einem Interview auf, wie Drohnen und künstliche Intelligenz (KI) die humanitäre Minenräumung revolutionieren könnten. Das System steht unseren Partnerorganisationen kostenlos zur Verfügung.

Was hat Sie persönlich motiviert, sich für die KI-gestützte Minenräumung zu engagieren?
Ich bringe eine eher ungewöhnliche Kombination von Erfahrungen mit: Ich bin Experte für Drohnen und Fernerkundung sowie für KI und maschinelles Lernen, habe aber auch selbst als Minenräumer gearbeitet und war als humanitärer Helfer für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK in verschiedenen Krisengebieten tätig. Von allen Waffensystemen, die ich kennengelernt habe, sind Minen die heimtückischsten. Diese Waffen sind billig in der Herstellung, leicht zu platzieren, aber extrem schwierig zu räumen. Während meiner humanitären Arbeit habe ich erlebt, wie verheerend diese Waffen sind – nicht nur für die Menschen, die auf sie treten und Verletzungen oder den Tod erleiden, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Regionen. Wir haben eine moralische Verpflichtung, diese Minen zu räumen.

Wie funktioniert die KI-gestützte Minenerkennung? Welche Daten verwendet die KI, um Minen von anderen Objekten zu unterscheiden?
Bei Subsphere setzen wir Drohnen über vermuteten Minenfeldern ein, um hochauflösende Luftbilddaten zu sammeln. Bei diesen Drohnen kann es sich um einfache kommerzielle Modelle handeln, die mit verschiedenen fortschrittlichen Sensoren ausgestattet sind, darunter Radar, Infrarot, Thermografie, LiDAR und bodendurchdringendes Radar (GPR).

Die gesammelten Daten werden von einer vor Ort tätigen Partnerorganisation auf unseren sicheren Server hochgeladen. Unser KI-gestütztes System, der Deminer™, verarbeitet diese Daten und analysiert sie auf Muster, die auf das Vorhandensein von Landminen hinweisen könnten. Mithilfe von Algorithmen des maschinellen Lernens, die an realen Daten trainiert wurden, identifiziert das System wahrscheinliche Minenstandorte mit hoher Genauigkeit.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass unser System keine Echtzeit-Erkennung durchführt. Die Datenmengen sind erheblich, und in vielen verminten Gebieten gibt es keine zuverlässige Internetverbindung. Die Drohnen müssen das Gebiet zunächst vollständig erfassen, bevor der gesamte Datensatz analysiert werden kann.

Wie zuverlässig sind die aktuellen KI-Modelle? Gibt es Tests oder Zertifizierungen, um ihre Sicherheit in der Praxis zu gewährleisten?
Dies ist eine wichtige Frage. Um ehrlich zu sein, gibt es viele Forscher und Start-ups, die behaupten, dass KI alle Probleme bei der Minenräumung lösen kann. Das ist nicht wahr. KI kann helfen, aber wir müssen die Grenzen kennen. Unser System liegt derzeit in 85 Prozent der Fälle richtig, wenn es um oberflächliche oder halb oberflächliche Standardminen geht. Bei vergrabenen Minen sind wir noch nicht ganz so weit, aber ich hoffe auf einen Durchbruch bis zum Herbst 2025. Die Zuverlässigkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab, z. B. von der Feuchtigkeit, der Temperatur und den Bodenverhältnissen.

Kritiker warnen vor sogenannten «KI-Halluzinationen», d. h. falschen, aber plausibel klingenden Ergebnissen. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?
Bei Subsphere glauben wir an Transparenz. Wir veröffentlichen unsere Fehlerprotokolle und kommunizieren ehrlich über die Grenzen unserer Technologie. Von Anfang an haben wir klargestellt: KI ist nicht die ultimative Lösung, aber ein leistungsstarkes Werkzeug. Dieser offene Ansatz hat das Vertrauen unserer Partner, insbesondere in der Ukraine, erheblich gestärkt – ein Erfolg, auf den wir stolz sind.

Wir arbeiten derzeit eng mit mehreren wichtigen Organisationen in der Ukraine zusammen, darunter der Ukrainische Minenräumdienst (UDS), die Internationale Akademie für Humanitäre Minenräumung, die Ukrainische Nationale Vereinigung für Humanitäre Minenräumung (UNHDA) und eine nationale Luftfahrtuniversität.

Eine der grössten Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, ist das Fehlen einer umfassenden Validierung für die KI-gestützte Minenerkennung. Deshalb arbeiten wir mit realen Daten, die uns von unseren globalen Partnern zur Verfügung gestellt werden, und gleichen sie mit Minen ab, die bei Räumungsarbeiten physisch freigelegt wurden. So können wir unsere Modelle kontinuierlich verfeinern und validieren.

Während falsch-positive Meldungen – also Fälle, in denen die KI fälschlicherweise eine Mine anzeigt – den Betrieb verlangsamen, können falsch-negative Meldungen, bei denen eine Mine übersehen wird, potenziell tödlich sein Deshalb kombiniert unser Team erstklassige KI-Wissenschaftler mit erfahrenen Entminungsexperten, um Fehlerquellen zu identifizieren und zu reduzieren. Manchmal ist es etwas so Subtiles wie ein Grasbüschel, das die Form einer Mine hat und zur fehlerhaften Erkennung führt. Bei dieser Arbeit kommt es auf Präzision an – Leben hängen davon ab.

Viele Minen sind tief vergraben oder mit Vegetation bedeckt. Kann KI diese Hindernisse überwinden, oder sind manuelle Inspektionen weiterhin notwendig?
Vergrabene Landminen erfordern eine Kombination fortschrittlicher Sensortechnologien – bodendurchdringendes Radar (GPR), Wärmebildtechnik und Magnetometer –, um effektiv aufgespürt zu werden. Jeder Sensor trägt eine eigene Informationsschicht bei: GPR identifiziert Anomalien im Untergrund, Magnetometer spüren metallische Komponenten auf, und die Wärmebildtechnik erfasst die Temperaturunterschiede zwischen den Minen und dem umgebenden Boden. In Regionen mit starken täglichen Temperaturschwankungen können Wärmebilder, die morgens und abends aufgenommen werden, Minen aufdecken, da sie sich in der Regel schneller aufheizen und die Wärme länger speichern als der sie umgebende Boden. Unsere KI integriert Daten aus all diesen Quellen, um wahrscheinliche Minenstandorte zu markieren. Sie ersetzt jedoch nicht das menschliche Fachwissen, sondern erweitert die Fähigkeiten der geschulten Minenräumerinnen und -räumer und hilft ihnen, schnellere, sicherere und fundiertere Entscheidungen zu treffen.

Warum haben Sie neben Ihrem Hauptsitz in Kanada auch eine Niederlassung in der Schweiz?
Die Schweiz ist ein Mittelpunkt für humanitäre Minenräumung und beherbergt wichtige internationale Organisationen wie den Minenräumdienst der Vereinten Nationen (UNMAS), das Genfer Internationale Zentrum für humanitäre Minenräumung (GICHD), das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und viele andere. Diese einzigartige Konzentration von Fachwissen macht die Schweiz zu einer treibenden Kraft bei der Gestaltung der globalen Minenräumungspolitik und -praxis.

Gleichzeitig ist die Schweiz führend in der Innovation von Drohnen und Sensoren. Unternehmen wie SwissDrones und XER Technologies leisten Pionierarbeit bei der Entwicklung von hochpräzisen UAV-Plattformen mit hoher Flugdauer, die sich ideal für humanitäre Einsätze wie die Minensuche eignen. Viele der Komponenten und Technologien, die wir bei unseren Einsätzen verwenden, werden in der Schweiz entwickelt und hergestellt.

Wie viel kostet die Deminer™-Technologie?
Unser System läuft derzeit auf sicheren Servern in den USA und Kanada. Aufgrund der riesigen Datenmengen, die verarbeitet werden, macht die Rechenleistung fast die Hälfte unserer Betriebskosten aus. Unser Ziel ist es, das System an eine grosse humanitäre Organisation zu übertragen, wobei unser Team nur noch eine unterstützende Rolle spielen soll.

Die Aufrechterhaltung des 24/7-Betriebs mit einem engagierten Team von sechs Personen kostet jährlich etwa 300’000 Dollar. Viele grosse Unternehmen haben zwar Interesse, aber sie wollen das System für militärische Zwecke anpassen. Dies entspricht nicht unserem Auftrag. Aus diesem Grund sind wir bei bestimmten technologiegetriebenen Initiativen, bei denen Investitionen mit der Entwicklung von Waffen verbunden sind, vorsichtig.

Die Nutzung dieser Technologie soll Leben retten und unsere Arbeit soll rein humanitär bleiben. Seit März 2025 bieten wir humanitären Organisationen kostenlosen Zugang zu Deminer™ inklusive Schulung und Support.

Wie könnte KI die Minenräumung in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändern? Sehen Sie eine langfristige Möglichkeit, den Prozess vollständig zu automatisieren?
KI hat das Potenzial, die Minenräumung in den nächsten fünf bis zehn Jahren schneller, sicherer und skalierbarer zu machen. Wir erweitern die Fähigkeiten unseres KI-Systems, um ein breiteres Spektrum an explosiven Kampfmittelrückständen (ERW), einschliesslich Streumunition, zu erkennen. Wir gehen davon aus, dass diese Fähigkeit Ende 2025 oder Anfang 2026 einsatzbereit sein wird.

Zudem erforschen wir die Integration von KI mit Robotik, um präzise Eingriffe aus der Ferne zu ermöglichen – ähnlich wie der Chirurgieroboter DaVinci es Ärzten ermöglicht, komplexe Eingriffe aus der Ferne durchzuführen. Angewandt auf die Minenräumung könnte dieser Ansatz es geschulten Bedienenden ermöglichen, verdächtige Objekte zu untersuchen und zu neutralisieren, ohne die Gefahrenzone jemals selbst zu betreten. Das Ergebnis: eine erheblich verbesserte Sicherheit für Minenräumerinnen und -räumer.

Die vollständige Automatisierung ist ein langfristiges Ziel, aber keine unmittelbare Realität. Die Komplexität und Variabilität des Geländes, die Vegetation und die Unvorhersehbarkeit von vergrabenen Minen machen eine vollständige Autonomie zu einer grossen Herausforderung. KI kann und wird jedoch einen grösseren Teil der gefährlichen, datenintensiven Arbeit übernehmen und als Multiplikator für menschliche Teams fungieren. Kurz gesagt, wir sehen nicht, dass KI den Menschen ersetzt, aber wir sehen, dass sie ihn unterstützt, die Räumungszeiten verkürzt und vor allem Leben rettet.

Was sind die grössten ethischen Herausforderungen in diesem Bereich?
Eine der grössten ethischen Herausforderungen bei der KI-gestützten Minenräumung ist die Spannung zwischen Profit und Prinzipien – Geld vor Moral. In dem Masse, in dem diese Technologie ihre Wirksamkeit unter Beweis stellt, zieht sie unweigerlich die Aufmerksamkeit mächtiger privater Akteure auf sich, darunter Rüstungsunternehmen und Technologiefirmen, von denen viele ihr Potenzial eher in der Bewaffnung oder militärischen Überwachung als im humanitären Einsatz sehen.

Die Kernaufgabe der KI-gestützten Minenräumung besteht darin, Leben zu retten, Land für die zivile Nutzung wiederherzustellen und den Wiederaufbau nach Konflikten zu unterstützen. Wenn jedoch kommerzielle Interessen ins Spiel kommen, kann sich der Schwerpunkt von diesen Zielen entfernen. Einige Unternehmen bekunden ihr Interesse an der Technologie nicht, um gefährdeten Gemeinschaften zu helfen, sondern um sie für die Aufklärung auf dem Schlachtfeld, die autonome Zielerfassung oder für Grenzkontrollsysteme zu nutzen. Dies wirft grosse ethische Bedenken auf: Gerade die Instrumente, die Schaden verhindern sollen, könnten am Ende dazu verwendet werden, ihn zu verursachen.

Es besteht auch das Risiko der Exklusivität und des Zugangs. Wenn die KI-gestützte Minenräumung von privaten Unternehmen dominiert wird, könnte der Zugang auf Kunden beschränkt werden, die es sich leisten können – und die ärmsten, am stärksten von Minen betroffenen Länder bleiben auf der Strecke. Das lebensrettende Potenzial dieser Technologie darf nicht durch kommerzielle Lizenzgebühren oder Eigentumsbeschränkungen behindert werden.

Weitere Informationen: www.subsphere.ca

Foto: Freepik

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